Vertraut Euren Kindern beim Essen

073Mit Kindern und deren Essverhalten habe ich mich noch nicht so viel beschäftigt. Außer, dass ich mich nicht gut erinnern kann, wie an mir als Kind herumgenörgelt wurde und wie schwierig ich das fand. Bei Dicke e.V. ist ein spannender Beitrag zum Thema aus den USA erschienen, den ich mit freundlicher Genehmigung gerne hier teile: 

Die Philosophie der Ernährungsexpertin Ellyn Satter über Kinderernährung ist so einfach wie sie radikal ist: „Die Eltern sind verantwortlich für das was, wann und wo. Das Kind ist verantwortlich für das wieviel und ob.“

Das ist alles? Ja. Funktioniert es? Ja, betont Satter. Sie legt nahe, daß das Befolgen dieser Aufteilung der Verantwortung die meisten Probleme im Eßverhalten von Kindern lösen kann – und uns hilft, unsere eigenen Probleme mit dieser Fragestellung zu verstehen.

Satter ist in den USA seit 25 Jahren Diätspezialistin und seit 10 Jahren Sozial­arbeiterin. Die meiste Zeit ihrer Karriere war sie Ernährungsberaterin. In ihrer Praxis stellte sich schnell heraus, daß Informationen über Ernährung keine Lösungen für Probleme im Eßverhalten bieten.[i]
„Ich war mit Problemen konfrontiert, die ich in meiner Arbeit als Diätspezialistin weder verstehen noch lösen konnte. Ich wurde zunehmend neugieriger auf die Art, wie Menschen fühlen und miteinander umgehen, in Verbindung damit, wie sie ihre Eßgewohnheiten steuern. Gefühle und Nahrung schienen so ineinander verflochten, daß ich für nicht hilfreich sein konnte, wenn ich nicht alle Faktoren in Betracht zog.“

Satter entschloß sich, in die psychologische und soziale Beratung zu wechseln, mit der Spezialisierung auf Eßstörungsprobleme. Die Verbindung von Psychologie und Ernährung führte zu einer neuen Sicht auf Eßprobleme, dies galt besonders für Kinder.
Kinder brauchen Vertrauen, es hilft wenig sie zu kontrollieren oder sie gar zu zwingen. Wenn sie nicht zu sehr bestimmt werden, legen Kinder instinktiv ein Eßverhalten an den Tag, wie es für sie richtig ist. Sie beachten unbewußt innere Signale von Hunger, Appetit und Sattheit sehr gut.

„Eltern sind dafür verantwortlich, was zu Essen geboten wird und die Art, wie es geboten wird“, wiederholt Satter. „Kinder sind verantwortlich dafür, wieviel sie essen und sogar, ob sie überhaupt essen.“ Das ist der Kern ihrer Botschaft. Eltern planen die Einkaufsliste und die Mahlzeiten, sie entscheiden welche Nahrungsmittel im Haus sind. Sie legen die Art von Mahlzeiten und Snacks fest – welche Nahrungsmittel vorzubereiten sind, wann und wo sie serviert werden. Das Kind kann dann aus der Vielfältigkeit des Essens, daß auf dem Tisch steht, wählen und entscheiden, wieviel es davon essen möchte.

„Kinder essen nicht von jedem etwas wie Erwachsene. Sie essen oft nur, was ihnen gefällt. Sie essen vielleicht nur ein oder zwei verschiedene Sorten des Essens, und das ist alles. Sie essen vielleicht eine ganze Menge an dem einen Tag und nur ein bißchen am nächsten. Das macht die Eltern verrückt. Aber es schadet den Kindern nicht!“ Satter sieht die Wurzeln der meisten Eßprobleme in der Kindheit bei Eltern, die diese Teilung der Verantwortung aufheben, indem sie versuchen, ihren Kindern die Art und die Menge der Nahrung vorzuschreiben, die sie essen.

„Ich habe Eltern als Klienten, die ihre Kinder zwingen, eine Stunde am Tisch zu sitzen, damit sie ihr Gemüse essen. Oder Eltern, die denken, daß ihre Kinder zuviel essen, und die Menge reduzieren. Oder welche, die denken, daß ihre Kinder zu wenig essen, und die versuchen, sie dazu zu bringen, daß sie mehr essen, als sie freiwillig wollen“. Ein Teufelskreis von spannungsgeladenen Tischkämpfen.

Alle Arten von Eßproblemen resultieren möglicherweise aus dem Versuch, die inneren Eßsignale eines Kindes zu überstimmen. Kinder, die zum Essen gezwungen, überredet, verlockt oder gar reingelegt werden, fühlen sich am Ende vom Essen abgestoßen und neigen dazu, nach Möglichkeit das Essen zu vermeiden. Und Kinder, deren Nahrungsaufnahme eingegrenzt wird, als Bemühung, daß sie nicht dick werden, werden vorrangig in Gedanken mit Essen beschäftigt sein. Oft tendieren sie dazu, sich zu überessen, aus der Angst heraus, nicht genug zu bekommen.

Satter empfiehlt dieselbe Lösung für alle Eßprobleme: „Richten Sie eine Struktur der Mahlzeiten und Snacks ein und erhalten Sie die Aufteilung der Verantwortung beim Essen. Bieten Sie dem Kind das Essen an, lassen Sie jeglichen Druck weg, gestalten Sie die Mahlzeit angenehm und lassen Sie dem Kind die Initiative zum Essen.“
Geraten Sie nicht in Panik, wenn ein Kind nicht von jeder Nahrungsgruppe bei jeder Mahlzeit etwas aussucht. Im Laufe der Zeit werden Kinder ihre Auswahl variieren. Die Untersuchungen und Beobachtungen von Satter zeigen:
Kinder werden essen.
Sie sind selbst fähig, ihre Nahrungsaufnahme zu regulieren.
Sie reagieren generell negativ auf neue Nahrungsmittel, aber werden diese in der Regel mit der Zeit und Erfahrung akzeptieren.
Eltern können entweder die Nahrungsakzeptanz und Nahrungsregulierung von Kindern unterstützen oder zerstören.

Dicken Kindern die Nahrung zu entziehen, um ihr Gewicht zu kontrollieren, ist der eindeutig falsche Weg, der in die Sackgasse der Eßstörungen führt. Satter sieht vier Wege, wie Kinder dick werden können:
Normal: „Einige Menschen sind genetisch dazu veranlagt, dick zu werden“.
Aus der Entwicklung heraus: „Jemand in der Umwelt des Kindes bringt ihn oder sie dazu, sich zu überessen, und tut das stetig und konsequent, so daß das Kind über seine/ihre Maße ißt und dick wird“.
Als Reaktion: „Ein Kind, das an Gewicht zunimmt als Reaktion auf einen Streßfaktor, z.B. eine Scheidung.“
Dicksein als Resultat einer eingeschränkten Ernährung: „Die Taktik, einem zu dicken Kind Nahrung zu entziehen, kann nicht nur dazu führen, daß es sich schlecht mit sich fühlt, sondern dazu, daß es mehr ißt.“

Ärzte nehmen fälschlicherweise an, daß es eine Folge von Überernährung ist, wenn ein Kind dick wird. „Einige Kinder werden sich überessen, andere nicht“, betont Satter. „Einige werden lieber sterben, als noch einen Bissen mehr zu essen, als sie wirklich wollen. Andere Kinder essen gern und werden über ihre Grenzen hinaus essen, ohne Unbehagen zu spüren.“ Die meisten Erwachsenen, so Satter, sind „gezügelte Esser“. Sie zügeln ständig ihre Nachrungsaufnahme, versuchen weniger zu essen, als sie wirklich wollen – weniger in der Menge und weniger ansprechende Nahrung. Sie ignorieren und überreglementieren ihren Appetit. Die Sorge von gezügelten Essern über ihre Fähigkeit, ihr eigenes Eßverhalten zu handhaben, führt sie dahin, das Eßverhalten ihrer Kinder zu bestimmen, indem sie ihre eigenen Erwartungen ihren Kindern aufbürden.

Die meisten Erwachsenen haben Probleme damit, Satters Hauptregel zu folgen: Vertrauen, daß Kinder die richtige Menge an Nahrung essen, um sich gut zu entwickeln. Ist das nicht auch für Erwachsene gültig? „Wir haben in der Tat vergessen, wie es ist, normal zu essen“, erklärt Satter. „Chronische Diäter erwarten permanent, hungrig zu werden, und sind permanent unzuverlässig in bezug darauf, sich mit Nahrung zu versorgen. Niemand kann sich gut fühlen, wenn er mit der Erwartung durch das Leben geht, nicht ernährt zu werden.“ Die Gefahren dieses Verhaltens sind sowohl körperlich als auch emotional. „Die Menschen erschöpfen sich selbst mit ihrer Ernährung, wenn sie auf strenge Diäten gehen und nicht die Nährstoffe bekommen, die sie brauchen. Dann bekommen sie übermäßigen Heißhunger vor allem auf fettreiche, zuckerreiche Nahrungsmittel ohne viele Nährstoffe. Und da beherrscht sie dann das Gefühl, daß ihr Eßverhalten außer Kontrolle ist, und deswegen auch sie außer Kontrolle sind. Essen wird zu einer moralischen Angelegenheit.“
Ein Teil ihrer Antwort an Eltern ist: „Wenn Sie Ihr Kind gut ernähren, werden Sie sich selbst ebenfalls dazu herausgefordert sehen zu lernen, wie man normal ißt“. Wie unsere Kinder haben auch wir Erwachsene eine angeborene Fähigkeit, unsere Nahrungsaufnahme zu regulieren. Die meisten Gesundheitsexperten legen den Augenmerk auf die Nahrungsauswahl und tendieren dazu, die Nahrungsaufnahme mehr durch äußere Umstände denn durch innere Faktoren zu regulieren. Solange die Herangehensweise zu Problemen auf äußeren Umständen basiert, sind Lösungen schwierig. Satter gibt ein Beispiel. Kürzlich behandelte sie ein Kind, welches zu ihr gebracht wurde, weil es sehr plötzlich an Gewicht zunahm. „Ich betrachtete das Kind und die Art und Weise, wie es ernährt worden war. Ich entdeckte, daß ihre Eltern ihre Nahrungsaufnahme einschränkten und sie dadurch vor allem mit dem Thema Essen beschäftigt war. Sie hatte sich überfressen, so oft sie an Essen kommen konnte. Wir arbeiteten damit und lösten das Problem bis zu einem begrenzten Maße, aber es schien, daß die Eltern die Art, wie sie handelten, nicht wirklich ändern konnten. Sie taten etwas von dem, was ich vorschlug, aber sie konnten die Situation nicht wirklich um 180 Grad drehen.“ Dies zeigte Satter, daß noch etwas anderes in dieser Familie vorging. Sie fand heraus, daß die Eltern so in ihre eigenen Sachen verstrickt waren, daß sie nicht gemeinsam dafür da sein konnten, ihr Kind zu erziehen. Ihre negativen Gefühle führten dazu, daß sie ihrer Tochter gegenüber überaus streng und höchst kritisch waren. „Sie war oft der Sündenbock für deren negative Gefühle, die sie füreinander hatten.“ Was mit dem Problem angefangen hatte, eine Lösung für das Eßverhalten der kleinen Tochter zu finden, verlagerte sich zu einer Paartherapie für die emotionalen Probleme der Eltern.
Satter, die in Madison lebt und arbeitet, sagt, daß sie ihren eigenen Unterricht lebt. „Ich kämpfte mit meinem Eßverhalten, als ich jünger war, und es war nicht vor Beginn meiner beruflichen Laufbahn, daß ich eine andere Art zu essen entwickelte. Ich erlebte eine große Erleichterung, während ich lernte, meine Nahrungsaufnahme innerlich zu regulieren. Ich habe ein persönliches Gefühl dafür, wie schön es ist, das zu lernen.“ [ii]

[i] Autorin des Buches „Child of Mine: Feeding with Love and Good Sense“ und ihres letzten Buches „How to Get Your Kid to Eat…But Not Too Much“
[ii] von Joan Price (Radiance, Winter 1991) Übersetzt von Doris Wagner

Schreibe einen Kommentar