Wenn ich endlich schlank bin – ein Praxisbeispiel

CIMG2800In meinem letzten Post habe ich ein bisschen was geschrieben, über die vielen Wünsche, die dicke Menschen haben und die sie erst verwirklichen können und dürfen, wenn sie x Kilos abgenommen haben. Ein Vorwand! Vieles ist machbar, auch als dicker Mensch. Manchmal mit Aufwand. Na und? Heute möchte ich Euch Sven vorstellen. Mit ihm durfte ich an seinen Vorstellungen im Rahmen eines Workshops „Wohl in meiner Haut“ arbeiten. Lest selbst, wie sich seine Gedanken verändern konnten:   

Sven hatte auf seiner Liste unter anderem folgende Punkte notiert, die er sich vorgenommen hatte, wenn er endlich unter 100 kg wiegen würde:

  • Endlich eine Partnerin finden
  • Mir ein Motorrad kaufen

Sven, warum kannst Du derzeit keine Partnerin finden?

S: Ich fühle mich zu dick und halte mich selbst für total unattraktiv. Wer soll sich mit so jemandem einlassen?

Hast Du es denn in den letzten Monaten probiert?

S: Na ja, eigentlich nicht so richtig.

Kennst Du andere dicke Männer, die eine Partnerin haben?

S: Ja, aber nur ganz wenige. Und die haben meistens viel Geld (lacht). Das kann ich nicht vorweisen.

Haben die wirklich alle immer viel Geld?

S: Na, so genau weiß ich das auch wieder nicht, aber ich denk mir das halt.

Was wäre an Dir anders, wenn Du unter 100 kg wiegen würdest?

S: Ich wäre viel attraktiver, hätte mehr Selbstvertrauen und eine tolle Ausstrahlung.

Okay, das heißt so wie Du jetzt bist, bist Du unattraktiv, hast wenig Selbstvertrauen und was für eine Ausstrahlung?

S: Eine langweilige und abweisende.

Wenn Du das über Dich glaubst, unattraktiv zu sein, mit wenig Selbstvertrauen und einer langweiligen und abweisenden Ausstrahlung, wie verhältst Du Dich dann gegenüber Frauen?

S: Eigentlich gar nicht. Also zumindest nicht bei den Frauen, die ich attraktiv fände. Ich habe Angst zurückgewiesen zu werden, deshalb würde ich die nie ansprechen oder länger hinschauen.

Nehmen wir hypothetisch mal an, dass unter diesen Frauen die eine oder andere wäre, die Dich interessant finden könnte. Wie wirkt dies auf sie, wenn Du sie kaum anschaust und den Kontakt nicht suchst?

S: Gut, sie denkt wahrscheinlich, ich habe kein Interesse und nimmt mich abweisend wahr.

Und wie verhält sie sich Dir gegenüber, wenn Du auf sie so wirkst?

S: Tja, wahrscheinlich neutral oder sogar abweisend. Immerhin muss sie ja davon ausgehen, dass ich kein Interesse habe.

Und wie wirkt sich ihr Verhalten wiederum auf Dich aus?

S: Ich denke, ich bin unattraktiv und keine Frau interessiert sich für mich.

Wie wäre es nun, wenn Du Dich am Anfang anders verhalten würdest? Wenn Du mal testweise davon ausgehen würdest, dass Du attraktiv bist und mit Selbstvertrauen und einer ansprechenden Ausstrahlung auf Frauen zugehen würdest. Wie würde sich Dein Verhalten verändern?

S: Uups, Du verlangst aber viel (und sein Blick versucht mit mir zu shakern, wie charmant).  Dann würde ich zunächst den Blickkontakt zu Frauen suchen und mich dann auch an ein kleines Gespräch heranwagen. Wenn die Signale gut sind, können wir das Gespräch weiterführen, je nach Setting einen Drink zusammen trinken oder wie auch immer den Kontakt fortführen (lacht).

Und was würdest Du denken, wenn die Frau kein Interesse hat.

S: Schade, aber es kann ja nicht immer passen?

Super, dass heißt, es würde nicht sofort Deinen Glaubenssatz aktivieren, dass Du eh keine Partnerin finden wirst?

S: Vielleicht nicht ganz so schnell, wenn es aber bei mehreren so abläuft, dann doch wieder.

Okay, welche Wege könntest Du gehen, um die Möglichkeit zu erhöhen, eine passende Partnerin zu finden?

S: Na, sowas passiert doch zufällig. Bei der Arbeit oder in der Kneipe.

Gut, das heißt, bei der Arbeit lernst Du immer wieder neue Frauen kennen und in den
Kneipen, in denen Du bist, tauchen immer wieder neue Gäste, insbesondere Solofrauen auf?

Wie oft warst Du in den letzten Wochen in der Kneipe?

S: Ertappt. Bei der Arbeit kommen manchmal Kundinnen. Allerdings ist es tatsächlich schwer, den Kontakt jenseits dieser Kaufbeziehung aufzubauen. Ist mir zumindest noch nie gelungen. Eine Kollegin fand ich auch mal spannend, aber die hat sich für einen anderen entschieden. Abends gehe ich schon regelmäßig in die Kneipe, meist wenn Fußball kommt, das macht Spaß. Da sind schon auch Frauen, aber die wenigen, die da sind, sind meistens mit ihrem Partner da. In andere Kneipen gehe ich selten, ich würde jetzt auch gar keine so recht kennen, in die auch Frauen gehen. In die Disco habe ich mich schon lange nicht mehr getraut.

Gäbe es noch andere Wege, eine Partnerin kennenzulernen? Wie wäre es, wenn Du – statt in eine normale Disco – zu einer Party für dicke Menschen gehen würdest?

S: Stimmt, da habe ich neulich mal eine Einladung gesehen. Ich hatte bloß immer den Eindruck, dass die Männer, die dorthin gehen, alle eher schlank sind und nach dicken Frauen Ausschau halten.

Wie kommst Du zu dem Eindruck?

S: Ich habe im Internet ein paar Fotos gesehen, da waren, wenn überhaupt, nur schlanke Männer drauf.

Nehmen wir an, Du wärst auf so einer Party. Würdest Du Dich gerne fürs Internet fotografieren lassen?

S: Nein, niemals.

Könnte dies anderen dicken Männern auch so gehen?

S: Das kann sein. Ich verstehe, ich weiß also gar nicht so genau, wer da eigentlich sonst so alles ist. Vielleicht sollte ich da einfach beim nächsten Mal hingehen. Zu verlieren gibt es ja nix.

Super, was könnte noch die Möglichkeit erhöhen, eine Partnerin zu finden?

S: Ich könnte meine Schwester bitten, mir einige ihrer Solofreundinnen vorzustellen.

Gute Idee. Wie genau kannst Du das angehen?

S: Das braucht ordentlich Courage. Ich müsste meiner Schwester gegenüber eingestehen, dass ich einsam bin und jemanden suche. Ich glaube, dass habe ich aus Stolz immer eher vertuscht. Obwohl meine Schwester immer mal wieder von Trennungen und von Freundinnen auf der Suche berichtet. Wahrscheinlich habe ich auch nie gedacht, dass ich dazugehören könnte.

Meinst Du, das geht mit den neuen Gedanken über Dich besser?

S: Ich könnte es versuchen.

Was denkst Du jetzt über die Vorstellung, Du kannst nur unter 100 kg eine Partnerin finden?

S: Ich würde es dann wohl doch auch mal jetzt schon versuchen. Und mir immer wieder bewusst machen, dass es auf meinen Glauben und meine Gedanken über mich ankommt, ob ich gut rüberkomme oder nicht.

Gut, dann gehen wir zu Deinem zweiten Punkt über. Was hast Du da notiert?

S: Mir ein Motorrad kaufen.

Warum kannst Du Dir nur ein Motorrad kaufen, wenn Du weniger wiegst?

S: Ich glaube, das sind so zwei Komponenten. Einmal habe ich mir das irgendwann vorgenommen. So als eine Art Belohnung. Wenn ich unter 100 kg wiege, dann gibt es ein Motorrad. Und dann ist da natürlich auch die Vorstellung, dass so ein fetter Sack auf einem Motorrad schlicht scheiße aussieht.

Für wen oder was willst Du das Motorrad haben?

S: Als junger Mann habe ich den Motorradführerschein gemacht und hatte noch zu DDR Zeiten auch mal ein Motorrad. Als das dann kaputt war, habe ich mir kein neues gekauft. Ich hatte ja ein Auto. Aber die Erinnerung an dieses Freiheitsgefühl und die Freude am Fahren ist geblieben. Die ist eben ganz anders als im Auto.

Und musst Du, um dieses Freiheitsgefühl und die Freude am Fahren zu erleben, cool aussehen?

S: (lacht) Nein, eigentlich nicht. Vielleicht war es auch so, dass ich das Gefühl hatte, dass ich mich mit meinem jetzigen Körper nicht auch noch belohnen darf.

Du benutzt die Vergangenheitsform. Hat sich da was verändert?

S: Ja, schon. Du kannst mich jetzt gleich nochmal so auseinander nehmen, wie eben bei der Partnerin. Aber eigentlich ist es gar nicht mehr nötig. Es ist dasselbe in grün. Ich kann mir natürlich auch jetzt schon ein Motorrad gönnen, die Verbindung mit dem Gewicht ist albern. Und es gibt ja so viele andere Männer, die mit Wampe Motorrad fahren. Warum nicht auch ich? Bleibt bloß noch ein Blick auf mein Bankkonto – aber das wird schon irgendwie hinhauen.

Dann würde ich für den Moment sagen, dass es möglich ist, alles zu erreichen, ohne vorher Gewicht abzunehmen. Wie siehst Du das?

S: Für die beiden Punkte würde ich die Hoffnung zumindest nicht aufgeben.

Na, dann viel Spaß!

Schreibe einen Kommentar