Wiege dich nicht, lebe!

Und lasst uns bald gemeinsam dick leben!

In Zeiten des Schlankheitswahns braucht es eine neue Kultur des Dickseins. Diese neue Kultur kann nur von dicken Menschen selbst gestaltet werden!

In Wellen schwappen Medienberichte über Fettepidemien über uns herein. Politik, Ärzte und Gesundheitsgazetten haben stets Rezepte parat, wie Übergewicht zu bekämpfen sei. Niemand fragt, wie es dicken Menschen in einem Umfeld geht, das ihnen ständig sagt, sie dürften nicht sein wie sie sind.
DSCN4052Im Frühjahr sind die Zeitschriften wieder voll davon: Mit allen möglichen Diäten und den Fotos dürrer Models werben sie mit dem Versprechen eines schlanken Körpers. Wer ihnen glaubt, wird nicht etwa selig, sondern nur noch unglücklicher. Was dicke Menschen längst aus Erfahrung wissen, wird zunehmend auch von der Forschung bestätigt:

Diäten bringen langfristig keine Gewichtsabnahme. Auf einen Zeitraum von 5 Jahren gerechnet, führen gerade mal 5 % aller Diäten zu einer Gewichtsabnahme. Bei allen anderen hat sich nicht nur ein Jojo-Effekt eingestellt, teilweise kam es sogar zu einer Gewichtszunahme und zu Essstörungen.

Trotzdem ist der Traum vieler Dicker, endlich dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen, nicht tot zu kriegen. Sie wollen zu den «Normalen» gehören, obwohl es längst Berichte gibt, wonach die Mehrheit der Bürger übergewichtig ist.

Dicke Menschen haben es schwer. In der Überflussgesellschaft gilt ein dicker Körper als Makel und nicht, wie teilweise in ärmeren Ländern, als Statussymbol. Ein dicker Mensch ist mit einem Haufen von Stereotypen konfrontiert. Zumindest unbewusst herrscht das Vorurteil, es müsse sich um eine verfressene, faule und willensschwache Person handeln. Dick gilt als gleichbedeutend mit einem ungesunden Lebensstil und wird gesellschaftlich geächtet. Dahinter steckt auch die Angst der Schlanken, vielleicht selbst irgendwann «aus dem Leim zu gehen». In diesem gesellschaftlichen Klima ist es nicht verwunderlich, dass viele dicke Menschen selbst glauben, ihr einziges Lebensziel sei ein schlanker Körper. Wie soll man sich auch der Gehirnwäsche entziehen, die von Zeitschriften und Fernsehen, von Freunden und Ärzten ausgeübt wird?

Selbst bei offensichtlicher Diskriminierung, bei Einschränkungen und Beleidigungen gegenüber dicken Menschen wehren sich die Betroffenen nur selten. Auch sie haben schliesslich die These von der individuellen Schuld verinnerlicht. Von dicken Menschen wird erwartet, sich zu «bessern» und das Ergebnis ihrer Unersättlichkeit nicht auch noch schamlos zur Schau zu stellen. Aber nicht nur die Diskriminierung von Anderen ist ein Problem. Dicken Menschen fällt es oft schwer, sich selbst anzunehmen wie sie sind. Noch schwieriger ist es, sich schön zu finden und den eigenen Körper zu lieben. Sicherlich muss man die Frage nach den Gesundheitsrisiken dicker Menschen stellen. Aber auch hier ist es erlaubt zu fragen, ob es wirklich nur das gefährliche Fett ist, das zu Herzerkrankungen führt. Wirkt sich nicht auch Selbstablehnung bis zum Selbsthass negativ auf die Gesundheit aus? Um aus diesem Teufelskreis auszubrechen, bräuchte es zunächst mehr Toleranz gegenüber vielfältigen Formen, wie Menschen leben und aussehen. Aber auch grosse Veränderungen beginnen meist in kleinen Schritten.

Was können dicke Menschen selbst tun, um sich besser zu akzeptieren? Und welche kleinen Schritte können sie gehen, um die allgemeine Akzeptanz für ihr Aussehen zu erhöhen? Der wahrscheinlich schwierigste Schritt besteht darin, sich von dem Traum, einmal makellos schlank zu sein, zu verabschieden. Dabei hilft es, eine Lebenslinie zu malen und darauf einzutragen, wie oft man bisher ab- und wieder zugenommen hat. Das Ergebnis wird wahrscheinlich zeigen, dass bisher nichts so richtig geholfen hat. Und das liegt nicht an der Willensschwäche dicker Menschen. Zugrunde liegt der Trick einer wohlwollenden Natur bzw. Evolution, die uns vor Hungersnöten schützen will. Nach jeder Hungersnot (Diät) sorgt der Körper für die Zukunft mit einem verbesserten Stoffwechsel vor. Das ist eigentlich ein kluges Prinzip, aber in Zeiten des Ernährungsüberflusses ist es kontraproduktiv.

Der nächste mögliche Schritt hin zur Körperakzeptanz besteht darin, den eigenen Körper mit all seinen Eigenarten kennen zu lernen. Wie fühlt er sich an, wie bewegt er sich, und wie ist es für ihn, berührt zu werden? Welche Bewegungen machen mir Spass – und zwar nicht, um abzunehmen, sondern um den Körper und sein volles Potenzial zu erforschen? Das ist für dicke Menschen nicht immer leicht, denn leider kennen sich viele von ihnen nur vom Hals aufwärts. Was darunter ist betrachten sie mit Hass und Ablehnung.

Bewegung spielt dabei eine wesentliche Rolle. Betroffene sollten sich fragen: Welchen Weg kann ich zu Fuss statt mit dem Auto zurücklegen? Wie fühlt sich leichte Gymnastik an? Oder könnte mir ein Tanz zu lauter Musik Spass machen? Alles ist erlaubt, nur eines nicht: der anschliessende Sprung auf die Waage und die bange Frage, ob es denn auch etwas «gebracht» hat. Was zählt, ist allein die Freude an der Bewegung. Ich schlage sogar vor, die Waage ganz abzuschaffen. Diese Massnahme mag einigen zu radikal erscheinen. Aber es kann doch nicht sein, dass eine kleine Zahl die Macht hat, darüber zu entscheiden, ob es für uns ein guter oder schlechter Tag ist!

Wenn viele Dicke sich zu diesen Schritten entschliessen würden, dann könnte man anfangen zu träumen: von einer neuen «Dickenkultur».

Anfangs wäre dies vielleicht ein Netzwerk von Rückzugsorten, an denen dicke Menschen sein dürfen wie sie sind: rund und zufrieden. Es gibt schon jetzt regionale Netzwerke, in denen sich dicke Menschen gegenseitig unterstützen. Es gibt Bücher und viel Kontakt und Austausch in den sozialen Medien. Auch Mode für große Größen ist  in grösserer Vielfalt zu finden, besonders im Internet. Es gibt ein paar dicke Idole, die aus Film oder Fernsehen bekannt sind. Auf diesem Weg müssen wir weiter voran gehen.

Minderheiten sollten eine eigene Kultur entwickeln. Bestimmte Religionsgemeinschaften, Migranten, lesbische oder schwule Menschen haben einen eigenen Lebensstil entwickelt, der für sie eine Quelle der Unterstützung und Identität darstellt. Diese Gruppen entwickelten etwas wie eine eigene Heimat, eine eigene Sprache, Rituale und vor allem Stolz auf das, was sie sind. Dicke Menschen dagegen finden selten überhaupt die Worte, um sich gegen Diskriminierungen zu wehren. Noch weniger gibt es eine Sprache oder Gebräuche, die dicken Menschen helfen, Selbstbewusstsein zu entwickeln. So kommt es, dass wir, auf unser Gewicht angesprochen, oft demütig oder verlogen reagieren. Wir sagen: «Ja, ich sollte mein Gewichtsproblem wirklich angehen», obwohl wir eigentlich viel lieber sagen würden: «Ich möchte, dass endlich diese Diskriminierung gegenüber dicken Menschen aufhört!»

Wenn nur jeder vierte Dicke aufstehen und sich selbstbewusst zu seinem Körper bekennen würde, käme das einer kleinen Revolution gleich.

Eine solche Menge aktiver dicker Menschen könnte Gesetze gegen Diskriminierungen auf den Weg bringen. Sie könnten die bisherige Praxis, dicke Menschen nicht einzustellen oder zu verbeamten, zu Fall bringen. Mit so vielen gewichtigen Wählerstimmen möchte es sich kein Politiker gern verscherzen. Fitnesscenter und Sportverbände würden besondere, angepasste Angebote für dicke Menschen ins Programm nehmen, und auch die Modeindustrie müsste sich darauf einstellen, dass diese Zielgruppe ein schickes und noch weit vielfältigeres Angebot wünscht. In Magazinen und Modekatalogen würden nicht nur extrem dünne Models die Mode präsentieren. Es gäbe genügend korpulente Vorbilder, und Dicke dürften im Film den Helden oder die Heldin spielen, nicht nur Verlierer, beste Freunde und komische Figuren.

Vielleicht würden dann sogar die Weight-Watchers ihr Programm kurzerhand umstellen und Tipps geben, wie man zunimmt. Wer weiss?

 

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